Ob die "Verunsicherung und Desillusionierung" in der Architektur bzw. die "verlorene Mitte" derselben mit den begleitenden Aquarellen der Kunststudenten am Rudolf Steiner-Seminar ausgefüllt werden kann, ist eine der durch das Buch aufgeworfenen Fragen. ZUM GELEIT: Zu den einschneidensten Ereignissen der modernen Kunst gehört die Entstehung der Architektur, die heute unsere Lebenswelt ist. In wenigen Jahrzehnten haben die Architekten die ganze Umwelt verändert und auf unser Leben großen Einfluß genommen. Die daraus entstandenen Probleme liegen uns alle nahe; unsere privaten, sozialen, ökonomischen, rationalen, ästhetischen, ethischen, biologischen und ökologischen Belange werden davon berührt, keine andere Kunst ist so mit den brennenden Gesellschaftskonflikten verknüpft. Durch die umfassende Kritik, die der Funktionalismus oder Internationale Stil der Baukunst erfahren mußte, und durch die Entwicklung der Post-Moderne sind diese Probleme in unser Bewußtsein gerückt. Dieses Buch will auch Nichtarchitekten einen Einblick in die dramatischen Abläufe geben, die sich in der Baukunst abgespielt haben. Ein besonderes Interesse gilt dabei den Fragen, die nach dem Ersten Weltkrieg von einer Reihe tonangebender Architekten, die mit der funktionalistischen Strömung in Verbindung standen, aufgeworfen wurden, Fragen danach, wie die Architektur Ausdruck des gesamten Menschen, der Bedürfnisse der Gemeinschaft und ihrer schöpferischen Selbstverwirklichung sein kann. Stehen wir nicht heute noch vor der Lösung der damals gestellten bedeutenden Aufgaben? Die Charakterisierung der heutigen Situation, in der wir uns alle wiedererkennen, bildet den Anfang, um mit der Frage nach den ihr zugrundeliegenden Zielen und Visionen einer neuen Welt die Tür in die Vergangenheit zu öffnen, deren Konsequenzen wir heute in den verschiedenen gegenwärtigen Strömungen gegenüberstehen. Zugleich aber sind wir dieser Situation nicht tatenlos ausgeliefert. Hatten wir nicht alle in unserer Kindheit ein spontanes und unmittelbares Interesse am Bauen und Bilden? Wir alle stehen der Baukunst nahe, und es ist nötig, aus dem bewuß- ten Verhältnis zu den Problemen unserer Zeit an dieses Interesse anzuknüpfen und es zu entwickeln. Indem wir die Aufmerksamkeit schließlich auf einige konkrete Versuche richten, kommen wir auf die aktuelle Situation zurück. Die Bilder dieses Buches sind von Architekten, Künstlern und Kunststudenten am Rudolf Steiner-Seminar injärna (Schweden) gemalt worden, die sich mit Bleistift und Pinsel in die faszinierende Formensprache der modernen Architektur einlebten. Manche Bilder entstammen direkten Eindrücken vor den Objekten, viele sind mit Hilfe von Skizzen, Zeichnungen und Fotografien entstanden, einige sind als freie Kopien der Skizzen und Projekte bedeutender Künstler zu betrachten. Viele dieser Bilder waren in der Ausstellung »Der unvollendete Funktionalismus« 1980 in Stockholm zu sehen, die an die fünfzig Jahre zuvor in Stockholm stattgefundene erinnern sollte. Alle, die an diesem Buch mitgearbeitet haben, wollen auf die große Rolle aufmerksam machen, die die Architektur in unserem Leben spielt, auf die vielfältigen Erlebnisse, die wir an ihrer reichen Formensprache haben können. Würden dadurch noch Fragen geweckt, die zu einem zeitgemäßen Einsatz im Bereich der Baukunst führen, so wäre die Aufgabe gelungen.