GOTTFRIED RICHTER, den wir vor allem durch seine »Ideen zur Kunstgeschichte« und die Bildwerke über Chartres und das Romanische Burgund kennen, legt hier eine ganz andere Arbeit vor : die reife Frucht einer lebenslangen Bemühung um Goethes »Faust«. Bei der künstlerisch- gedanklichen Tiefen-Schürfung erweist sich ihm bis ins einzelne, daß es sich bei »Faust« nicht um ein --- wenn auch noch so großes — Drama im üblichen Sinn handelt, sondern um ein »Mysterium«, nämlich das Drama der menschlichen Seele überhaupt, das diese bei der Berührung mit dem Bösen in ihrem Erdenlauf durchlebt. An der Schuld entzündet sich das Bewußtsein für die Aufgabe des Menschen, der verwandelt, indem er die geistige Mitte der Erde sucht, und dabei selbst verwandelt, gerettet wird. Goethe war kein Christ in konventionellem Sinne. In seinem »Faust« hat er aber — in einer Art, die aus der Verborgenheit erst hervorgehoben werden muß — ein weitentiefes, Bilder- und Gedanken-reiches Christentum angewendet, um das es hier geht. Richters Forschungen werden zur Entdeckung. Jetzt erst beginnt man die Größe der Bilder und ihre Zusammenhänge — besonders auch die des oft unverstandenen Zweiten Teiles -- vor sich zu sehen.