»Zwei schöpferische Individuen, der Künstler und der Photograph, treten sich unter ganz verschiedenen Voraussetzungen gegenüher. Denn wenn es sich auch um eine erste Begegnung handelt, so hringt der Photograph doch eine ganz bestimmte. Vorstellung seines Modells mit sich, während dieses es mit einem wildfremden Menschen zu tun hat. Was sich nun zwischen den heiden in den ersten Minuten ihres Zusammenseins abspielt, ist ein psychologischer Vorgang von seltener Intensität. Der Photograph muß das vorgefaßte Bild — das fast immer falsch ist — blitzschnell korrigieren; der Künstler hingegen hat sich auf einen Menschen einzustellen, der nichts Geringeres im Schilde führt, als seiner Persönlichkeit habhaft zu werden, sie ihm recht eigentlich zu entreißen. Es kommt nun zu einem Duell, bei welchem sich der von Natur aus Schöpferische — der Künstler — in die passive Rolle des Modells gedrängt sieht, der Photograph hingegen gänzlich vom guten Willen des Portraitierten abhängt.« Manuel Gasser über Herbert Lists Portrait-Photographicn