Ein Blick auf die Wandlungen des Shakespeare-Bildes seit Mitte des 17. Jahrhunderts eröffnet neue Perspektiven auf den Fortschritt, den Standort und die Inhalte von Literaturwissenschaft und -kritik: Wann wurde Shakespeare zum größten englischen Dramatiker erkoren? Zum größten englischen Dichter? Zum größten Dichter aller Zeiten? Wer traf diese Entscheidung? Welche Vorurteile und Überzeugungen beeinflußten diejenigen, die sie trafen? Mit welchen Beweisen, mit welcher Begründung rechtfertigten sie ihr Urteil? nennt der amerikanische Literaturwissenschaftler Gary Taylor in seiner kultur- und sozialgeschichtlichen Studie die Bemühungen ungezählter Forschergenerationen, der geradezu proteischen Wandlungsfähigkeit ihres Protagonisten mit den «tausend Seelen», eines «Wesen(s) höherer Art» (Goethe), nachzuspüren. Diese Wirkungsgeschichte durch vier Jahrhunderte zeigt zugleich, wie sich die Shakespeare-Industrie in einem geschlossenen Kreislauf am Leben erhält: «Am 23. April 1616 hörte (Shakespeare) auf, sich selbst zu erfinden... Seitdem sind wir es, die ihn täglich neu erfinden.»