The discovery of North America, Literaturverz. S. 298 - 300. / Ein halbes Jahrtausend, bevor Christoph Kolumbus bei dem Versuch, den westlichen Seeweg nach Indien zu finden, die Ostküste Mittel- und Südamerikas erreichte, waren wagemutige normannische Seefahrer bereits auf nordamerikanischem Boden gelandet. Auch heute noch wird dieser erste Schritt auf dem Boden der Neuen Welt ebenso wie der des Kolumbus als Sensation empfunden. Wer aber kennt die zweiten und dritten Schritte, die in ihrer Dramatik kaum glaublichen Berichte und Dokumente derer, die den Kontinent Stück für Stück entschleierten? In diesem dokumentarischen Bildwerk haben die drei Verfasser, hervorragende Fachleute ihrer Spezialgebiete, alles zusammengetragen und geordnet, was der geographisch-historischen Wissenschaft von der Entdeckung, Erforschung und ersten Besiedlung Nordamerikas bekanntgeworden ist. Es ist ein erstaunlich reichhaltiges Material, das von kundiger Hand mit Sorgfalt und Hingabe ausgewertet wurde. Jedes Kapitel des Bandes wird von einem einführenden geschichtlichen Überblick eingeleitet, der die Zusammenhänge herstellt zwischen den Originalberichten der Seefahrer, den zeitgenössischen Eindrücken und Schilderungen und dem reichen Material an Land- und Seekarten, historischen Zeichnungen, Gemälden und Stichen. In den Kapiteln sind jeweils gewisse Abschnitte der Entwicklung zusammengefaßt: Es beginnt mit den Entdeckungen und Erforschungen der vorkolumbianischen Zeit. Es folgt eine Periode der fast systematischen Erkundung der nordamerikanischen Ostküste, ihrer Gewässer und des küstennahen Landes. Es schließen sich Berichte über die Versuche an, ins Innere des Landes vorzudringen, Landschaften und Flußläufe zu erforschen. Danach folgen die wechselvollen Begegnungen mit den Eingeborenen, über den Beginn des Warenaustausches, des Handels und der Gründung von Kolonien im 16. Jahrhundert, über die zähen Versuche, eine Nord-West-Passage zur pazifischen Seite des Neuen Kontinents zu finden, und schließlich solche über den Aufbau der ersten ständigen Niederlassungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Spannend und instruktiv sind diese zusammenfassenden Einführungstexte der einzelnen Kapitel; geradezu faszinierend aber wirken die authentischen Zitate aus den zeitgenössischen Originaldokumenten in Verbindung mit den alten Karten und Bildern. Die lebendigen und unmittelbaren Berichte der Männer, die als erste die neu entdeckten, gefährlichen Küsten entlangsegelten, nach Landeplätzen ausspähten, ins unbekannte, bedrohliche Innere eines unwirtlichen Landes mit undurchdringlichen Urwäldern, wilden Gewässern und unberechenbaren Feinden vordrangen - sie lassen uns über Jahrhunderte hinweg ahnen, welcher Mut, welche Willenskraft, welche Entsagung und welche Freude am Abenteuer dazu gehörten, um mit den primitiven Mitteln jener Zeit solche Unternehmungen zu wagen. Was mögen die Motive gewesen sein, die all diese kühnen Unternehmen in Bewegung setzten? Sie sind gewiß so verschieden, wie es die Völker waren, die sich daran beteiligten: die Landsuche und Abenteuerlust der Wikinger, der Händlergeist englischer, skandinavischer und holländischer Kaufleute, Glaubenseifer und Habsucht der Spanier, missionarisches Sendungsbewußtsein der Iren, das Prestigebedürfnis der Franzosen, die auch in Ubersee eine Rolle spielen wollten - und bei allen Beteiligten eine Mischung aus all diesen Motiven. Dementsprechend gestaltete sich auch das Verhältnis der einzelnen Gruppen zu den Eingeborenen - Indianern und Eskimos: wenig Freundschaft, viel Handelsinteresse, Ubervorteilung, Ausnützung von Notlagen, offene Unterdrückung mit Waffengewalt oder Vertreibung. Das Schicksal der Eingeborenen zeichnete sich auch in Nordamerika schon kurz nach seiner Entdeckung durch die Europäer folgerichtig ab. Was diesem historisch-geographischen Standardwerk aber einen ganz besonderen Wert und seine authentische Bedeutung verleiht, ist die hervorragende Wiedergabe dokumentarischer Karten und Illustrationen in 370 - davon 75 farbigen - Reproduktionen. Man ist überrascht, was die Verfasser in mühevoller Suche aus alten Archiven ausgegraben haben: zeitgenössische Zeichnungen und Malereien, teils aus eigener Anschauung, teils nach Schilderungen Heimgekehrter gefertigt - manchmal überraschend in ihrem Realismus, manchmal rührend in ihrer Naivität, und dann wieder frappierend in ihrer Phantastik. Ähnlich die Karten: Sie zeigen, wie scharf mancher Navigator die durchfahrene Route beobachtete und skizzierte, um danach seine Karte stechen zu lassen. Sie zeigen aber auch, welche oft grotesken Mißverständnisse und Fehleinschätzungen anderen Seefahrern unterliefen, die mancher Expedition verhängnisvoll werden sollten. Eine Gemeinschaftsarbeit hervorragender Fachleute aus England und den USA, ein faszinierendes Quellenwerk.